Meine Diagnose

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Ich besuche des Öfteren Kinder und Eltern, die mit der Diagnose Diabetes Typ 1 erst seit Kurzem konfrontiert wurden. Alleine der Geruch des Krankenhauses bewirkt, dass ich mich wie zurückgeworfen fühle in den Sommer im Jahre 2011.  Im September, als meine Diabetes Diva unaufgefordert wie ein Wirbelsturm in mein Leben trat und von einer Sekunde auf die andere mein ganzes Leben komplett veränderte.

In den letzten Wochen vor meiner Diagnose war ich ständig krank, immer müde. Starke Muskelkrämpfe in den Beinen quälten mich teilweise so stark, dass ich manches Mal vor Schmerzen nicht mehr stehen und gehen konnte. Auch an Gewicht hatte ich einiges verloren, meine Sehkraft hatte sich deutlich verschlechtert. Ich kann mich daran erinnern, dass ich etwa 2 Wochen vor meiner Diagnose auf einem Orchester Camp war und große Probleme hatte, die Noten zu lesen und ständig gegen Glastüren oder Laternen gerannt bin. Eine kleine Wanderung endete damit, dass mich meine Freunde zurück ins Camp tragen mussten, weil die Krämpfe zu stark waren.

Damals ist meinen Eltern und mir nicht aufgefallen wie schlecht es mir in Wahrheit ging. Ich war gerade im Wachstum, schob es auf die Pubertät und einen eventuellen Magnesiummangel. Dazu kam der emotionale Stress aufgrund der Scheidung meiner Eltern und des damit verbundenen Umzugs mit meiner Mama und meinen Geschwistern in ein neues Haus.

Die Fußkrämpfe waren der Grund, warum meine Mama damals etwa 4 Wochen vor der Diagnose einen Blutbefund anforderte. Dieser ergab keinen Magnesiummangel, aber einen erhöhten Blutzuckerwert. Die Dringlichkeit war allen jedoch nicht klar.

Ich fuhr dann noch auf Urlaub, in dem ich plötzlich große Mengen an Flüssigkeit zu trinken begann um anschließend wiederum gefühlte 1000 Mal pro Tag zur Toilette zu laufen. Auf Drängen einer befreundeten Kinderärztin suchten dann meine Eltern mit mir am ersten Schultag des Jahres 2011 das Krankenhaus auf.

Ich war ziemlich kraftlos als wir nachmittags im Krankenhaus ankamen. Auf der Kinderabteilung begann der normale Ablauf, persönliche Daten wurden aufgenommen, Blut abgenommen. Eine halbe Stunde später schon die Diagnose: Typ 1 Diabetes.

Zunächst wusste ich gar nicht so recht, was das bedeutet. Typ 1 Diabetes? Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Nur an den ernsten Gesichtern meiner Eltern konnte ich erkennen, dass diese Diagnose nicht gerade belanglos war. Wie ich später erfahren habe, befand sich der Blutzuckerwert zum Zeitpunkt der Aufnahme im Krankenhaus weit über der 1000er Grenze (Normalerweise sollte dieser sich zwischen 80-120 mg/dl befinden) und mein HbA1c bei 15.5%. Die Ärzte erklärten mir im Nachhinein, dass ich wahrscheinlich in den folgenden Tagen ins diabetische Koma gefallen wäre, wenn ich nicht an diesem Tag gekommen wäre und es selten sei, dass jemand mit so einem hohen Wert noch aufrecht ins Krankenhaus kommt.

Während ich so auf der Behandlungsliege lag, begannen die Ärzte mir und meinen Eltern kurz zu erklären, wie der weitere Verlauf der Behandlung sein würde. An die Inhalte des Gesprächs kann ich mich konkret nicht mehr erinnern. Ich habe nur noch die Erwähnung, dass ich stationär aufgenommen werden würde, im Gedächtnis. Und dann noch, dass ich meiner Mutter gesagt habe, dass alles ok wird, sie sich keine Sorgen machen müsse und ich das schon alleine schaffen würde.

Kurz darauf begann schon die Behandlung mit der Verabreichung einer Kalium- und Insulininfusion. Das Zimmer wurde für mich vorbereitet und nachdem sich meine Eltern verabschiedet hatten, begann ich über die Diagnose nachzudenken. Nie zuvor hatte ich mich mit der Krankheit auseinandergesetzt und wusste somit auch nichts darüber.

Angst verspürte ich jedoch nicht, allerdings war ich damit beschäftigt mit den Schmerzen, die die Kaliuminfusion wie von den Ärzten prognostiziert verursachte, zurechtzukommen. Und dann ging alles auch ganz schnell. Die Verabreichung von Insulin und mehrere Schulungen in denen mir die Ärzte erklärten was Typ 1 Diabetes ist, was in meinem Körper vorging und was ich ab jetzt in meinem Alltag tun müsse um meine Blutzuckerdiva zu kontrollieren. Ernährungsberatungen und Schulungen über das korrekte Wiegen und Berechnen der Kohlenhydrate und BE, wie und wo man sich spritzte, wie oft man Blutzucker misst, was man bei niedrigen oder hohen Blutzuckerwerten macht, etc. Viele Informationen, die man in sehr kurzer Zeit aufnehmen und sich aneignen muss.

Da meine Augen aufgrund des extrem hohen Blutzuckers so angeschlagen waren, musste ich auch sehr oft im Krankenhaus zur Augenkontrolle. Eine Woche konnte ich nur leichte Umrisse und Farben erkennen.

Danach musste ich ein paar Woche eine Lupe beim Lesen, verwenden. Meine Augen brauchten lange um sich wieder an die normalen Blutzuckerwerte zu gewöhnen. Weil ich so schlecht sehen konnte wollten mich die Krankenschwestern immer im Rollstuhl zur Kontrolle      bringen. Ich bestand allerdings immer darauf zu gehen, immerhin waren ja meine Füße munter und gesund – obwohl mir auch hier die Konfrontation mit Glastüren nicht erspart blieb.

In den ersten Tagen durfte ich keine Kohlenhydrate zu mir nehmen. Also gab es eigentlich nur Gemüse, Käse und Schinken (zu der Zeit war ich noch nicht vegan). Das war kein Problem für mich, weil ich schon immer ein großer Fan von Gemüse war. Meine Oma hat mich während der Zeit besonders unterstützt. Sie hat mir jeden Tag Gurkensalat, Tomaten und angebratenes Huhn ins Krankenhaus gebracht und sich stundenlang mit mir unterhalten, obwohl es ihr gesundheitlich nicht gut ging.

Ein paar Tage nach der Diagnose kam dann der „große“ Tag, an dem ich selber Insulin spritzen musste. Zwar hatte ich Respekt vor der Nadel, verspürte allerdings keine Panik. Für mich klar war, dass es sich hier um einen lebensnotwendigen Vorgang handelt – Insulin=Überleben. So richtig kann ich mich aber gar nicht mehr daran erinnern. Meine Mama schilderte mir, wie ruhig und selbstverständlich ich mir die erste Insulininjektion verpasst habe.

Zu Beginn meiner Diagnose wurde mir prognostiziert, dass ich ca. 3-4 Wochen im Krankenhaus bleiben müsse. Daraus wurden dann allerdings 1 ½ Monate, weil ich zwischendurch auch mal krank wurde und die Darmgrippe meine ganze Basalrate wieder so durcheinandergebracht hatte, dass man mit der Einstellung wieder von vorne anfangen musste.

Mehr über den Aufenthalt im Krankenhaus und die erste Zeit zu Hause erfährt ihr dann im Teil 2.

Fortsetzung folgt! 😉

 

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